Polylino in der Praxis

Neuer Erfahrungsbericht: Polylino in der Praxis

Expertinnengespräch zwischen Dana Sträßner (DS), Sandra Niebuhr-Siebert (SNS) und Annegret Klassert (AK).

Annegret Klassert und Sandra Niebuhr Siebert untersuchen in dem Forschungsprojekt „Bilinguale Sprachbildung mit digitalen Medien“ den Einsatz der App Polylino im KiTa-Alltag. Polylino ist eine digitale Bilderbuch-Bibliothek mit einem stetig wachsenden, von Kinderliteraturexpert*innen sorgfältig ausgewählten Bestand (www.polylino.de). Das Besondere an der APP ist, dass die Bücher nicht nur auf Deutsch, sondern bereits auf 55 weiteren Sprachen eingelesen wurden. Im Forschungsprojekt wird nun untersucht, auf welche Weise Kinder und Pädagog*innen die APP im KiTa-Alltag nutzen.

Dana Sträßner, eine Studierende des Studienganges „Sprachpädagogik und Erzählende Künste in Sozialer Arbeit“ an der FHCHP ist an der Datensammlung im Projekt beteiligt und hat über einen Zeitraum von 10 Wochen die App Polylino mir einer kleinen Gruppe mehrsprachiger Kinder bereits ausprobiert.

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AK: Können Sie zuerst kurz schildern, wie die Gruppe der Kinder zusammengesetzt war mit der Sie Polylino ausprobiert haben?

DS: Ich habe die App mit vier Mädchen im Alter von drei bis fünf Jahren ausprobiert. Zwei von ihnen sprechen russisch und zwei rumänisch als Erstsprache. Die beiden fünfjährigen Mädchen sind bereits seit Dezember 2019 in der Kita, die beiden jüngeren Mädchen seit August 2020. Ein rumänisch-sprechendes Mädchen spricht zudem ein bisschen Russisch, was sie durch ihre Freundinnen in der Kita gelernt hat.

AK: Wie wurde das Angebot mit Polylino gestaltet?

DS: Ich habe mich 1x wöchentlich mit den Kindern zusammengesetzt und die APP auf einem Tablet gestartet. Die Kinder durften sich nacheinander eine Geschichte frei auswählen und dabei bestimmen, in welcher Sprache diese vorgelesen werden soll. Meine Aufgabe war es hauptsächlich, die Situation zu strukturieren und auf Initiativen der Kinder einzugehen.

AK: Mit Polylino können sich die Kinder die Bilderbücher in einer von vielen Sprache vorlesen lassen. Dies bietet die Möglichkeit, dass auch die Familiensprache der Kinder im KiTa-Alltag präsent wird, selbst wenn die Erzieher*innen diese Sprachen nicht sprechen. Wie waren ihre Erfahrungen: welche Sprache haben die Kinder bevorzugt? Ihre Familiensprache oder das Deutsche? Erinnern Sie sich vielleicht an Begründungen, warum die Kinder eine bestimmte Sprache ausgewählt haben?

DS: Die Sprachauswahl war bei den Mädchen sehr unterschiedlich. Zwei Mädchen haben fast immer ihre Herkunftssprache für die Geschichte ausgewählt. Ein Mädchen hat dafür nur sehr selten ihre Herkunftssprache gewählt. Ich vermute, dass ihr die Auswahl der rumänischen Geschichten zu klein war. Das vierte Mädchen, welches nur wenig Deutsch spricht, hat sich immer dieselbe Geschichte ausgewählt. Zu Beginn immer in ihrer Herkunftssprache und dann auf Deutsch. Ich denke, dass gerade sie die App genutzt hat, um neue Wörter auf Deutsch zu lernen.

SNS: Könnte es sein, dass die Kinder ihre Auswahl zuvorderst über eine gute Geschichte und weniger über ihre Sprachkompetenzen treffen?

DS: Ja, das ist zu vermuten.

SNS: Das bedeutet, dass wenn Geschichten nicht gefallen, dann wird keine ausgewählt, egal in welchen Sprachen sie vorliegt.

AK: Zur Förderung der Herkunftssprache im pädagogischen Alltag gibt es ja eine Reihe von Bedenken. Was haben Sie beobachtet: Haben Kinder der gleichen Familiensprache dann mehr untereinander in dieser Sprache gesprochen, eventuell andere dadurch ausgeschlossen oder weniger „Lust“ gehabt, Deutsch zu sprechen?

DS: Es gab eigentlich keinerlei Unterschiede zum „normalen“ Kita-Alltag. Da die beiden russischsprachigen Mädchen auch sonst viel Russisch miteinander sprechen, ist es durch Polylino gefühlt nicht mehr geworden. Die beiden Mädchen, deren Herkunftssprache Rumänisch ist, haben gar kein Rumänisch gesprochen. Ich schätze, dass dies an dem einen Mädchen liegt. Sie trennt die Sprachen strikt nach Raum. Zuhause: Rumänisch. In der Kita: Deutsch. Das jemand ausgeschlossen wurde, konnte ich nicht beobachten.

AK: Unsere systematische Datenauswertung steht ja noch aus, aber konnten Sie direkt Effekte der Nutzung von Polylino auf die sprachliche, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder beobachten?

DS: Die vier Mädchen sind gute Freunde. Vor Polylino waren nur drei der Mädchen miteinander befreundet, nun haben sie das eine Mädchen in ihren Freundeskreis aufgenommen. Ansonsten hat die Jüngste viele neue deutsche Wörter gelernt. Sie ist im „Deutsch sprechen“ sicherer geworden und ist nicht mehr so zurückhaltend. Auch die Bindung zwischen den Mädchen und mir ist viel stärker geworden.

SNS: Welche Vermutung haben Sie, was ist der Grund dafür, dass ein Mädchen in die Gruppe integriert wurde? Könnte Polylino und das Teilen gemeinsamer Sprachkompetenz identitätsstiftend sein?

DS: Ja das könnte sein, da gerade die beiden rumänisch sprachigen Mädchen sehr gute Freundinnen geworden sind. Ich vermute, dass sie vor Polylino gar nicht wussten, dass es noch ein Kind in der Kita gibt, was ihre Sprache spricht. Obwohl sie in der Kita trotzdem nur Deutsch miteinander reden, haben sie durch ihre Herkunftssprache doch eine Gemeinsamkeit gefunden.

Da unsere Kita keine festen Gruppen hat, treffen täglich in unserem Kindergartenbereich 80 Kinder aufeinander. Durch das Arbeiten in der festen Gruppe mit Polylino konnten sich auch die Mädchen untereinander kennenlernen, was sonst im “normalen” Kita-Alltag womöglich nicht passiert wäre, da sie bereits unterschiedliche Freundeskreise hatten.

SNS: Zur Förderung sprachlicher sowie literaler Kompetenzen stehen immer mehr digitale Formate zur Verfügung. Welche Vor- und Nachteile sehen Sie konkret bei der Nutzung der Polylino-APP?

DS: Ein Vorteil von Polylino ist, dass die Bücher nicht so lang sind und man dadurch mit den Kindern nicht nur ein Buch anschaut, sondern vier bis fünf. Die Kinder können die App nahezu selbstständig nutzen, was sie in ihrer Selbstständigkeit unheimlich fördert. Im Vergleich zu klassischen Bilderbüchern haben die Kinder viel mehr Spaß beim Umblättern/Wischen, auch das Auswählen der Bücher ist für sie viel attraktiver. Durch das eigenständige Umblättern/Wischen, fällt es den Kindern viel leichter sich auf das Buch zu konzentrieren und sie können selber entscheiden, wann sie die Doppelseite fertig betrachtet haben. Es gilt die Regel: „Der oder diejenige, der/ die sich das Buch aussucht, darf auch umblättern/ wischen.“ Dies geschieht dann ohne große Aufforderungen. Zusammenfassend kann man sagen, dass Polylino eine wundervolle Ergänzung zu den klassischen Bilderbüchern ist, sie aber niemals ersetzen kann.

SNS: Warum kann eine solche APP ein Kinderbuch nicht ersetzen? Welche Nachteile sehen Sie?

DS: Es fehlt einfach die sinnliche Erfahrung…das Anfassen von Papier und Pappe…das Umblättern. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Polylino vor allem in einer kleinen Gruppe gut funktioniert, sobald es fünf bis sechs Kinder sind, gibt es Streit, da manche Kinder auf dem Tablet nichts sehen können, weil jemand im Weg sitzt. Das Tablet (Samsung Galaxy Tab A (2016)), welches ich für das Projekt benutzt habe, ist vom Bild her viel kleiner als die meisten Bilderbücher. Das bedeutet, dass das einfache Herumzeigen, wie man es aus einer typischen Vorlesesituation kennt, nicht oder nur bedingt möglich ist. Auch das Zeigen auf Dinge im Buch ist auf dem Tablet in der App Polylino schwierig, da dadurch das Vorlesen unterbrochen oder eventuell auf die nächste Seite automatisch umgeblättert wird.

SNS: Gibt es auf Seiten der Erzieher*innen und Eltern eigentlich Vorbehalte, Schwierigkeiten oder Hürden bei der Implementierung der App in den Alltag?

DS: Es gab keinerlei Vorbehalte oder ähnliches. Sowohl meine Chefin und meine Kolleg*innen, als auch die Eltern der Kinder waren sehr daran interessiert und hatten keine Sorgen.

SNS: Wie häufig wird die APP benutzt? Fragen Kinder selbständig danach oder bieten Sie den Kindern die APP bewusst an?

DS: Da ich nur zwei Tage in der Kita bin, haben wir immer nur einen Tag Polylino gemacht. Ich denke, dass man sich in einer Fünf-Tage-Kita-Woche schon zwei- bis dreimal mit den Kindern zusammensetzen könnte. Während des Forschungsprojekts hat mich zum Ende hin immer „nur“ ein Mädchen nach Polylino gefragt. Sie war insgesamt sehr interessiert an Büchern und der APP. Den anderen Mädchen musste ich die APP bewusst anbieten.

SNS: Wie lange beschäftigen die Kinder sich dann mit der APP?

DS: Unsere Polylino-Sitzungen waren immer circa 30 Minuten lang, da dann bei einigen Mädchen die Konzentration nachließ. Mit dem einen Mädchen hätte ich aber noch länger Polylino machen können.

SNS: Könnte die App auch ein Türöffner sein für Kinder, sich generell mehr auch klassischen Bilderbüchern zuzuwenden?

DS: Das ist eine gute Frage, die ich leider nur bedingt beantworten kann, da ich die Kinder seit der Beendigung des Projekts kaum gesehen habe. Ich vermute aber, dass sie durch Polylino Freude am Vorlesen und Bilderbuch betrachten gefunden haben und sich dann auch mehr den klassischen Bilderbüchern zuwenden werden.

SNS: Brauchen Kinder Erwachsene, um mit der APP umzugehen oder können Kinder es selbständig?

DS: Nach einer kurzen Einweisung können die Kinder die App im Großen und Ganzen selbständig bedienen. Leider ist die Sprachauswahl für sie schwierig zu bedienen, da man dafür Lesen können muss. Vielleicht könnte man die Sprachen über Flaggen verbildlichen, damit auch da die Kinder die Möglichkeit haben selbstständig zu wählen.

SNS: Flaggen führen dazu, dass man Nationalstaatlichkeit mit Nationalstaaten verbindet, davon würde ich eher abraten, weil es der Idee mehrsprachiger Gesellschaften entgegensteht.

SNS: Lenken bestimmte Funktionen vom Bilderbuchlesen ab oder unterstützen sie es?

DS: Die große Auswahl an deutschen Büchern kann, denke ich, für manche Kinder überfordernd sein. Es lenkt dann in dem Sinne ab, dass das Kind lange braucht eh es sich überhaupt ein Buch ausgesucht hat und die anderen Kinder dann dem Buch gar keine Aufmerksamkeit mehr schenken können. Das Umblättern/ Wischen lenkt die Kinder nicht ab, im Gegenteil, es macht ihnen großen Spaß und lässt sie aufmerksamer zuhören, da sie ja genau wissen wollen, wann sie wieder umblättern können. Manchmal haben die Kinder aber auch zu schnell umgeblättert, wodurch Teile der Geschichte verloren gegangen sind. (Der Leser macht immer kurze Pausen, wenn er von einer, auf die andere Doppelseite geht…manchmal zu lange, wodurch die Kinder denken, dass der Leser schon fertig ist.)

SNS: Aber dann kann man das Buch doch sicher zurückblättern, oder? Ich denke, dass es ein interessanter Befund ist, dass APP-Feature dabei helfen, dass Kinder sich immer wieder neu auf die Geschichte fokussieren können. Das widerspricht verbreiteten Befürchtungen, dass APP-Features vom eigentlichen Lesen ablenken.

 

Sträßner, D. Niebuhr-Siebert, S. & Klassert, A. (2021) Erfahrungsbericht: Polylino in der Praxis. KiTa aktuell spezial : Digitalisierung, 22 (4), S. 157-158.

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