Digitale Medien im Vorschulalter

Heutige Kinder wachsen mit einer Vielzahl von Medien auf. Dazu gehören das Buch, die Musik- und Hörspiel-CD, Filme, aber auch inzwischen vermehrt digitale Medienwie Smartphone oder Tablets. Während erstere in der pädagogischen Arbeit eine lange Tradition haben und auch als einen besonderen Wert für die Entwicklung und Bildung des Kindes geschätzt werden, werden digitale Medien häufig kritisch betrachtet. Dabei sind sie schon weit in die Lebens- und Medienwelten von Kindern eingedrungen, wie viele Studien zeigen. Eltern, aber auch pädagogische Fachkräfte sind häufig verunsichert, welche Folgen die frühe Nutzung dieser Medien mit sich bringt und wie sie sich dazu verhalten sollen. Wissenschaftliche Studien sind dazu noch nicht eindeutig. Auf der einen Seite kann ein hoher Konsum elektronischer und digitaler Medien in der Kindheit zu Entwicklungsstörungen führen, vor allem im Bereich der kognitiven, sozialen und motivationalen Entwicklung sowie zu Schlafstörungen. Auf der anderen Seite kann die Auseinandersetzung mit den Inhalten digitaler Medien auch kognitiv anregend sein, die kreativen Möglichkeiten der Kinder erweitern und schon früh ihre Medienkompetenz fördern. Beide Aspekte sind davon abhängig, dass Kinder im Vorschulalter im Durchschnitt nicht länger als eine Stunde am Tag sich mit Bildschirmmedien beschäftigen, dass andere Tätigkeiten wie draußen sowie mit Freunden spielen nicht vernachlässigt werden, dass die Anwendungen auf den digitalen Medien qualitativ gut bewertet wurden, Eltern sich mit diesen schon auseinandergesetzt haben und sie häufiger auch gemeinsam mit den Kindern nutzen und dass Bildschirmmedien nicht in den letzten Stunde vor dem Zu-Bett-gehen genutzt werden.[1] Werden diese Bedingungen von Eltern und pädagogischen Fachkräften eingehalten, sind negative Effekte ausgehend von digitalen Medien sehr unwahrscheinlich.

Für das Polylino-Angebot kommt nun hinzu, dass die Angebote u.a. auf einer App präsentiert und entweder von den Kindern alleine oder zu mehreren gelesen oder von der pädagogischen Fachkraft vorgelesen werden. In beiden Fällen ist ein Tablet notwendig, um die Polylino-App nutzen zu können. Ein oder mehrere Tablets in einer Einrichtung reichen dazu aus. Anfangs sollten die Kinder gezeigt bekommen, wie sie die Polylino-App öffnen und sie ihre Bücher aussuchen können. Mehrsprachige Kinder sollten dabei unterstütz werden, dass für sie gedachte Angebot selbstständig auswählen zu können. Die Kinder können gerne auch zu mehreren sich ein Buch anschauen oder gemeinsam lesen, wobei bedacht werden muss, dass der kleine Bildschirm eines Tablets nicht mehr als von zwei oder drei Kindern gemeinsam angesehen werden kann. Liest die pädagogische Fachkraft vor, kann es zwei Varianten geben: Entweder wird der Bildschirm des Tablets über einen Beamer auf eine Leinwand während des Vorlesens projiziert, oder jede Seite des digitalen Buchs wird den Kindern herumgezeigt.

Für viele Fachkräfte stellt sich die Frage, warum auf einem digitalen Medium wie das Tablet vorlesen, wenn es auch mit einem gedruckten Buch geht. Und: verstehen die Kinder denn das digitale Buch überhaupt? Wie eingangs schon erläutert, wachsen heute viele Kinder schon mit dem Gebrauch digitaler Medien auf und sind es deshalb gewöhnt, sich dort zurecht zu finden. Ein digitales Buch zum Lesen bzw. Vorlesen unter dem Aspekt der Mehrsprachigkeit hat den Vorteil, dass Geschichten in vielen Sprachen gleichzeitig verwendet werden können. Darüber hinaus bieten sie oft multimediale und interaktive Elemente, die den Kindern oft Spaß machen und eine stärkere Einbindung von Kindern in die Geschichte ermöglichen. Aus der Forschung wissen wir, dass aber das Lesen digitaler Texte nicht immer einfach ist. Die eben genannten Elemente können oftmals vom reinen Text ablenken, d.h. dass die Kinder lieber auf die Buttons in der Geschichte drücken wollen, damit etwa eine Figur hochhüpft oder ein Schwein grunzt als der Geschichte weiterzuhören. Den Kindern sollte man anfangs diese Möglichkeit erst einmal lassen, dann aber auf das richtige Zuhören oder selbstständige Anschauen der Geschichte drängen. Ob die Kinder die Geschichten in digitalen Büchern wie in gedruckten Büchern genauso verstehen, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Zum einem zeigen Studien, dass manche Kinder im Umgang mit Tablets und den darauf aufrufbaren Geschichten gut umgehen können und diese sogar besser und aufmerksamer verfolgen, als in gedruckten Büchern. Es gibt aber auch Studien, die zeigen, dass manche Kinder lieber ein gedrucktes Buch benutzen und daraus die Geschichten auch besser verstehen. Deswegen sollten die beiden Formen des Lesens bzw. Vorlesens nicht gegeneinander ausgespielt, sondern als wichtige Ergänzungen angesehen werden.

Gehen Sie auf Kritiker Ihrer Arbeit mit digitalen Medien für Kinder im Vorschulalter mit Überzeugung und Engagement zu. Berichten Sie bei Besuchen, in Rundbriefen und auf Elternversammlungen von Inhalt, Methode, Sinn und Zweck ihrer Arbeit.

Führen Sie Ihren Kritikern Computer und Tablets als Bildungsinstrument vor, auf dem Apps mit Lern-Programmen Kinder im Vorschulalter altersgemäß fördern. Weisen Sie auf die staatlich geförderten Programme und Verlautbarungen zum digitalen frühkindlichen Lernen in Ihrem Bundesland hin. Führen Sie Ihren Kritikern vor, wie mit Hilfe geeigneter Apps Kinder interaktiv tätig werden und eigene Bild-Geschichten in mehreren Sprachen entwickeln können. Stellen Sie den Zusammenhang her zwischen dem Wunsch nach Selbstvergewisserung jeden Kindes und den Möglichkeiten mehrsprachiger digitaler Medien.

[1] Literaturhinweis: AAP, C. o. C. a. M. (2016). “Media and Young Minds.” Pediatrics 138(5): 1-8.

 

Univ.-Prof. Dr. Stefan Aufenanger war von 2005 bis 2018 Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, zuvor von 1993 bis 2005 mit der gleichen Funktion an Universität Hamburg. Als Akademischer Direktor der Stiftung Lesen (Mainz) wirkte er von 2006 bis 2010. Er lehrte und forscht zur Medienerziehung in Familie, Kindertagesstätten, Schulen und Hochschulen und hat einen besonderen Schwerpunkt im Bereich digitaler Medien.

Stefan Aufenanger beurteilt die Webseite sowie die App bezüglich ihrer kindgerechten Gestaltung. Er bringt Forschungsergebnisse aus dem Bereich des Lesens mit digitalen Medien in Polylino ein. Außerdem entwickelt und beschreibt er Einsatzszenarien von Polylino im Kontext einer Medienbildung für Kindertagesstätten.

Lesen Sie unser Interview mit Univ.-Prof. Dr. Stefan Aufenanger darüber, wie Toleranz und Diversität mit Polylino gefördert werden können!