Auswahl an Büchern in Polylino

 

In Kindertagesstätten im Umgang mit Büchern thematisch zu arbeiten, schafft einen roten Faden, an dem sich Kinder orientieren können. Dies hilft ihnen beim interaktiven Erleben des Buches, aber auch beim anschließenden Buchgespräch. Unterschiedliche Perspektiven können aufgeworfen, vertieft und von Kindern individuell bearbeitet werden.

Im Folgenden wird eine Auswahl an Büchern, die in Polylino enthalten sind und die sich besonders für interaktives Arbeiten mit Büchern oder Buchgespräche eignen, präsentiert. Für viele Bücher werden auch Beispielfragen für Buchgespräche präsentiert.

Bauer, Jutta: Limonade. Hamburg: Aladin 2015. 32 S. ISBN: 978-3-84890-095-4

Auch Vorschulkinder wollen vom Tod erfahren, der ihnen in Familie, Medien, im Verkehr und auch in Krieg und Gewalt begegnet. Sie möchten darüber sprechen und Worte finden. In der zunächst lapidar erscheinenden Bildgeschichte berichtet ein Mädchen von seiner Geburtstagsfeier, auf der in Kutte und Kapuze, mit blassem Gesicht der Tod erscheint. Er wird nach kurzem Zögern willkommen geheißen, bringt als Geschenk eine Uhr – die ablaufende Zeit – mit und tanzt ausgelassen mit der Mutter. Schließlich schickt das Mädchen ihn weg – der Tod fügt sich (noch).

Wer dieses Buch zum Vorlese-Erlebnis für Vorschulkinder machen will, sollte hinter den einfachen kolorierten Tuschzeichnungen und kurzen Sätzen das kunstvolle Geflecht von Aussagen, Bildern und Bedeutung ausfindig machen. Der Geburtstag – eine Zäsur jeden Lebens; Tochter und Mutter – der Tod wird beiden eine bestimmte Zeit zumessen; die Feier mit Freunden (Mutter, Sonne, Brombeerstrauch, Dachs, Dackel und das kleine Gundi, das sich als Identifikationsfigur anbietet) und einem friedlichen Ende im Mondschein – ein Tag für ein Leben.

Diese und weitere Analysen im Kopf, bewegen sich die Gesprächsanlässe für Kinder auf einer anderen Ebene:

  • Wer kommt zur Geburtstagsfeier?
  • Was bringen die Gäste als Geschenke mit?
  • Welchen Gast würdest Du auch einladen?
  • Welches Geschenk würdest Du auch schenken oder gerne geschenkt bekommen?
  • Was wird auf der Geburtstagsfeier gespielt?
  • Was wird auf Deiner Geburtstagsfeier gespielt?
  • Warum kommt der Tod zu Besuch?
  • Wie verhält sich der Tod zu dem Geburtstagskind und zu dem Mädchen?
  • Hättest Du den Tod auch fortgeschickt?
  • Wohin geht der Tod, als das Mädchen ihn wegschickt?
  • Kommt er wieder?

Berner, Rotraut Susanne: Pick Pick Picknick. Hamburg: Aladin 2015. 29 S. ISBN: 978-3-8489-1020-5

Das schwarze Huhn ist lebenslustig, voller Energie und ein bisschen leichtsinnig. Das weiße Huhn sorgt sich, äußert Bedenken und bleibt vorsichtig. Auf einem Ausflug zeigt sich klar aber humorvoll, wie unterschiedlich die beiden durchs Leben gehen. Rotraud Berners Hühner sind – unterstützt durch ihre Kleider – zunächst Identifikationsfiguren der erwachsenen Frauen aus dem Umfeld kindlicher Leser und Zuhörer. Viele Haltungen der Protagonistinnen, das Vorwärtsstürmen, die Vorfreude wie das Zögern und die Angst vor mancherlei Beschwernis kennen sie aber schon aus eigener Erfahrung. Das Picknick, passend zur oft gebrauchten künstlichen Hühnersprache, genießen schließlich beide und wechseln im Schlussbild ihre eingespielten Ansichten.

Die wiederholten charakteristischen „Ach nein“ (weißes Huhn) und „und wenn schon“ (schwarzes Huhn) strukturieren den Text und eignen sich gut für im Chor gesprochene interaktive

Elemente der Vermittlung. Aufmerksamkeit beim Vorlesen sollte das „Umkippen“ dieser Reaktionsstereotypen hervorrufen, wenn das weiße Huhn zum ersten Mal „ach, ja“ sagt. Auch beim zehnten Vorlesen sind diese Sprachspiele mit geteilten Rollen noch frisch und aufmunternd.

Crausaz, Anne: Die Vögel auf dem Apfelbaum. Aus dem Französischen von Edmund Jacoby. Berlin: Jacoby & Stuart 2015. 109 S. ISBN: 978-3-942787.59-8

Dass Computer und Internet die Sachliteratur in Print weitgehend ersetzen würden, war jedem Beobachter der digitalen Revolution schon früh klar und hat sich inzwischen in Verkaufszahlen wie Ausleihen-Statistiken wissenschaftlicher und öffentlicher Bibliotheken weltweit bestätigt. Im Gebrauch der neuen Informationsmittel wurde aber deutlich, über welche Vorzüge ein Sachbilderbuch – ganz gleich durch welches Medium transportiert – auch im Zeitalter des globalen Informationsaustausches verfügt. Dafür ist das französische Sachbilderbuch „Die Vögel auf dem Apfelbaum“ ein gutes Beispiel.

Auf zweiseitigen Bildern im Großformat werden im Jahresablauf von Winter zu Winter ein Apfelbaum und 52 auf seinen Zweigen lebende Vogelarten vorgestellt. Das Geflecht der Äste und der über viele Monate besuchte „letzte Apfel“ bilden die graphischen Konstanten für die Vögel in unterschiedlichen Bewegungsabläufen und Arten-Kombinationen. Auch das Licht zu wechselnden Jahres- und Tageszeiten gibt jeder Bildtafel ihr eigenes Profil, sodass bei aller enzyklopädischer Vollständigkeit und Korrektheit keinerlei langweilige Konformität entsteht. Der Text rundet die Fülle von Eindrücken ab. Er kleidet die Sachinformationen in poetische Sprache und transportiert so die universelle Schönheit des Biotops in einem Apfelbaum. Der Mut und die Fähigkeit zur in sich abgeschlossenen absichtsvoll begrenzten Sachinformation gehört zu den konstanten Vorzügen der Gattung Sachbilderbuch. Das Sachbilderbuch mit seinen poetisch vorgetragenen und daher auf besondere Weise wirkungsvollen Informationen kann gut vorgelesen werden. Es bietet einen ungewöhnlich reichen Sprachschatz für biologische Sachverhalte. Das Erkennen, Benennen, Wiedererkennen, Zuordnen und Beschreiben der Baum- und Vogelwelt gehört zu den didaktischen Möglichkeiten der Vermittlung. Erwähnt werden soll außerdem, dass das Thema „Vögel im Apfelbaum“ durch die Vogelzüge viele Herkunftsländer der in Polylino vertretenen Sprachen miteinander verbindet.

Eyb-Green, Sigrid: Die Sonnenschaukel. Wien: Jungbrunnen 2016. 32 S. ISBN: 978-3-7026902-8

Alle Sinne werden in diesem Bilderbuch angesprochen. In kurzen phantasievollen Reimen, farbenfrohen und detailreichen Bildern hören und sehen Kinder das Wirken von vier Zwerginnen in einem üppigen Garten. Was wie ein schöner Traum daherkommt, transportiert bei aufmerksamem Zuhören und näherer Betrachtung beachtliches Grundwissen über Natur und Jahreswechsel. Denn die vier Zwerginnen Frau Morgenzwerg (aus dem Osten, tätig am Morgen im Frühling bei Sonnenschein); Die grüne Frau; Frau Westen und Frau Knochenbein (aus dem Norden, tätig in der Dämmerung winterlicher Natur mit Vorsorge für den Frühling) erleben Sonne, Wind und Schnee, Tages- und Jahreszeiten, Himmelsrichtungen, wechselndes Licht, Pflanzen und Tiere im Jahresablauf. Wem Jahreszeiten und Natur hierzulande neu oder fremd sind, erhält eine poetische und kunstreiche, aber auch exakte Einführung. Das Bilderbuch können Kinder in der Gruppe und für sich allein einfach nur auf sich wirken lassen. Es bietet auch zahlreiche Anlässe zu Gesprächen, Aktivitäten und persönlicher Stellungnahme der Kinder.

Kinder können sich mit einer der vier Zwerginnen identifizieren, jahreszeitliche Attribute (Windräder, Früchte, Blätter) basteln, mitbringen, benennen und vergleichen. Sprachanlässe bieten Fragen und Themen wie

  • Was für Tiere und Früchte erkennst im Garten?
  • Was für Wetter erleben die Zwergenfrauen?
  • Woher kommen die Namen der Zwergenfrauen?
  • Mit welcher würdest Du am liebsten spielen?
  • Mit welcher würdest du am liebsten tauschen?
  • Welche gefällt euch am besten und warum?
  • Wo bleiben die vier Zwergenfrauen, wohin gehen sie?

Für das einzelne Kind

  • In welchem Monat bist du geboren?
  • Welche Jahreszeit ist an Deinem Geburtstag?
  • Welches Wetter ist meistens an Deinem Geburtstag?
  • Sind die Tage dann lang oder kurz?
  • Was gibt es an Deinem Geburtstag zu essen, kommt das im Buch vor?
  • Welche der vier Zwergenfrauen passt zu deinem Geburtstag? (das sind Fragen, die auch für ein Geburtstagskind verwandt werden können).

Siehe dazu auch: https://www.wirlesen.org/idee/leseanimation-die-sonnenschaukel-von-sigrid-eyb-green

Gmehling, Will (Text); Oeser, Wibke (Ill.): Gott, der Hund und ich. Wuppertal: Hammer 2016. 32 S. ISBN: 978-3-7795-0557-0

Philosophische und religiöse Fragen beschäftigen schon Vorschulkinder. Seit einem Jahrzehnt sind philosophische Gespräche mit Kindern anerkannter Teil der Pädagogik. Hier erzählt ein kleiner Junge, wie er einem unauffälligen, etwas nachlässig gekleideten Mann begegnet, bei dem er sich sofort richtig wohl fühlt – es ist Gott, das erkennt er. In Schlüsselszenen wie bei vertrauter Nähe im Park, am Arbeitsplatz der Mutter, zur Fußball-Begeisterung des arbeitslosen Vaters und angesichts der Fürsorge für einen verlassenen Hund erfährt das Kind ein Muster, das über sein Verständnis hinausgeht, das ihm gleichwohl einsichtig und sinnvoll erscheint: es ist das Gesetz der Nächstenliebe oder Empathie. Deshalb kann er in einfacher Kindersprache von Gott erzählen. Diesem Muster folgen auch die Illustrationen, die vertraute Situationen thematisieren, aber durch Mimik und Bildkomposition immer ein kleines Stück darüber hinausgehen.

Text und Bild folgen keiner bestimmten Religion, sondern suchen in der Alltagserfahrung eines Kindes und in seiner einfachen Sprache Antwort auf die Frage, was das Verhalten des Mannes, den der Junge Gott nennt, über den Sinn des Lebens verrät. Hier kann die Unterhaltung mit Kindern einsetzen, die Kinder mit Fragen und Antworten konfrontiert, deren sprachlichen Ausdruck für sie ungewohnt ist.

  • Wozu bin ich auf der Welt?
  • Was ist das Schönste im Leben?
  • Wenn ich alles könnte, was möchte ich ändern?
  • Können Erwachsene alles?
  • Gibt es jemanden, der mehr kann als alle Erwachsenen?

Die Mutter, die alles kann

Grossmann-Hensel, Katharina: Meine Mama ist ein Superheld. Wien: Ueberreuter 2017. 32 S. ISBN: 978-3-2191-1713-4

Zum Muttertag sollen Kinder im Vorschulalter ein Bild ihrer Mutter malen. Marta erzählt, wie sie und Paul erst gemeinsam von ihren Müttern schwärmen, sich dann in Angebereien und Allmachtsphan-tasien steigern, um schließlich in Konkurrenz, Streit und Aggression zu verfallen. Zwei ganz normale Mütter holen sie ab. Marta und Paul freuen sich schon auf die Fortsetzung des Duells am Vatertag.

Aus zwei Quellen speist sich der Humor dieser Redeschlacht mit Buntstift-Zeichnungen zwischen zwei ebenbürtigen Gegnern um den Vorrang zweier ebenbürtiger Mütter. Beide Kinder übertreiben die Vorzüge der Mütter ins Groteske („Meine Mama sagt zwar, sie hätte nur zwei Arme, aber in Wahrheit hat sie noch lauter Extra-Arme dazu!“ „Meine Mama hat an den Armen Muskeln so rund und groß wie Lastwagenreifen, sie kann hundert Sachen auf einmal tragen“). Gleichzeitig missdeuten sie Alltags-Situationen als dramatische Beweise mütterlicher Vorzüge („Meine Mama, die kann so gut Häuser bauen, dass sogar die Bauarbeiter pfeifen!“ und „Sie kann so gut Auto fahren, dass alle anderen hupen“). Den Wahrheitsgehalt hinter dem Wortgefecht offenbaren die Illustrationen – nicht entlarvend, sondern mit liebevollen Fingerzeigen. Dass hier keineswegs nur kurzweilige Rivalität, sondern auch das Ringen um die eigene Position im Mutter-Kind-Verhältnis behandelt wird, zeigt die vermeintliche Aufschneiderei „Meine Mama hat so einen großen Bauch, da passen sogar Babys rein!“ „Dafür hat meine Mama Riesenhunger!“. In zahlreichen Situationen transportiert der Bericht viel Wort- und Bild-Witz, über deren unterschiedliche Ebenen Kinder und Erwachsene – nicht immer an denselben Stellen und aus denselben Gründen– viel zu lachen haben, weil sie sich wiedererkennen und über den Humor Distanz gewinnen.

Die Geschichte konfrontiert Kinder mit einem breiten Fundus an Worten, Sprachen, Handlungsabläufen, der im wiederholten Vorlesen an Reiz nicht verliert. Immer wieder gibt es noch einen Unsinn, noch einen Schritt aus der Realität zu entdecken. Von Anfang an aber animiert der Vorleser zur Einmischung, zur Weiterführung des Streits, zum Übertrumpfen von Marta und Paul, aber auch von den anderen Zuhörern. Über die Mutter in vermeintlichem Lob Lügengeschichten erzählen zu dürfen, kann dabei zum befreienden Vergnügen werden.

 

Der Vater, ein unsicherer Held

Grossmann-Hensel, Katharina: Mein Papa ist ein Pirat. Wien: Ueberreuter 2017. 32 S. ISBN: 978-3-2191-1748-6

Das Verhältnis von Vater und Sohn ist in jedem Lebensalter für beide von größter Bedeutung und ein unverzichtbares (Bilderbuch-)Thema. Begleitet von bunten, oft doppelseitigen und gleichzeitig doppeldeutigen Bildern erzählt hier ein Junge von seinem Vater. Der gibt ihm in Aussehen und Auftreten (Dreitagebart, riecht manchmal nach Fisch, eher gemütlich, arbeitet im Büro – oder nicht?), Rätsel auf. Mit dieser Unsicherheit räumt der Vater auf, indem er sich als Piratenkapitän zu erkennen gibt – eine wüste, abenteuerliche Lügengeschichte mit Bildern und Motiven aus dem Reservoir der Piraten-Literatur. Auf einmal bekommt die müde Nachlässigkeit des Vaters einen ganz anderen Sinn und wird zur Coolness des Freibeuters. Die Bilder bieten viele Details, deren Absurdität Kinder als witzigen Regelverstoß genießen können. Der Junge – im Bild so klein wie er sich bei Vater und Mutter fühlt – zweifelt an seinem Heldentum, weil Papa sich als Landratte ohne maritime Sachkenntnis und im Widerspruch zu früheren Geschichten entlarvt. Aber nur zu gerne glaubt er der bunten Welt, die der Papa entwirft, um von seinem Alltag abzulenken. Das Glück liegt in der Zuwendung des Vaters, nicht im Seemannsgarn. Der verheißungsvolle Schlüssel zur unauffindbaren Schatztruhe ist das Symbol zu dieser Erkenntnis.

Das handlungs- und bildreiche Bilderbuch besitzt zwei Ebenen: eine wilde, absurde, oft hilflos bizarre Piratengeschichte, in der sich Alltag und Klischee mischen, und darunter die Fallstudie eines Vater-Sohn-Verhältnisses. Beide kommen einander in der Fiktion vom Piratenkapitän mit viel Humor einander näher.

In Kenntnis dieser Analyse können Erzieher und Erzieherin dem Gespräch der Kinder freien Lauf lassen. Es geht nicht darum, ihnen die unterschiedlichen Bedeutungsebenen der Geschichte zu verdeutlichen, sondern sie ihren eigenen Weg finden zu lassen. Die Bilder bieten dabei ebenso viel Gesprächsstoff und Anlass zu Fragen wie die Erzählung des Jungen.

  • Was ist ein Pirat?
  • Was erlebt der Vater als Piratenkapitän?
  • Was ist alles auf dem Piratenschiff?
  • Warum ist eine Kuh auf dem Piratenschiff?
  • Was würdest du alles mitnehmen auf dein Piratenschiff?
  • Womit werden Seeungeheuer beruhigt?
  • Ist die Mutter eine Prinzessin oder eine Piratenbraut?
  • Was glaubst du, wo die Schatztruhe ist?
  • Weißt du, was dein Vater arbeitet?
  • Was würdest du sagen, wenn er dir von seinem Piratenleben erzählt?
  • Ob die Mutter auch solche Abenteuer erlebt, wenn sie arbeiten geht?

Hächler, Bruno (Text); Müller, Birte (Illustration): Der Schneerabe. Richtenberg: minedition 2015. 32 S. ISBN: 978-3-86566-340-5

In Mythen und Märchen, in Fabeln und Abenteuergeschichten, in psychologischen Romanen und Erlebnisberichten gehören Tiere zum durchgängigen Thema und Motiv. „Wer von Tieren erzählt, spricht über Menschen“ – nach dieser Regel wird Tieren in der Kinderliteratur ein großer Raum eingeräumt. Für Kinder wichtige Themen werden mit mehr oder weniger anthropomorphisierten Tieren

aufgegriffen. Das verschafft dem kindlichen Rezipienten von Geschichten und Bildern gleichzeitig Distanz („es ist ja ein Rabe, nicht ich“) und Nähe durch Empathie („ach, ich verstehe den Raben so gut“).

Drei Raben sitzen frierend im Baum. Alles ist weiß, trostlos, kalt. Nur einer bleibt heiter. Er möchte es gerne den tobenden Kindern gleichtun und einen Schneeengel in den Schnee drücken. Als die Kinder nach Hause gegangen sind, traut er sich und übt und übt und übt zum Spott der anderen Raben. Schließlich fällt er auf den Rücken und weiß nun, wie es geht. Am anderen Morgen sind die Kinder entzückt von seinem luftigen Rabenabdruck und halten ihn mit seinem beschneiten Gefieder glatt für einen Engel. Sein glückliches Krächzen zeigt, wer er wirklich ist.

Die in den Winter verlegte Geschichte von Mut, Sehnsucht und Zielstrebigkeit lässt den dritten Raben als Alter Ego des zuhörenden oder lesenden Kindes wohlbekannte Konstellationen von Konflikt

und Mutprobe durchleben. Anders als die Freunde, begierig nach etwas Neuem, Anerkennung nach geschaffter Mutprobe – davon wird hier erzählt. Die Bilder fügen einen Subtext hinzu. Sie zeigen, wie farbig die vermeintliche düstere Welt der zwei Nörgler dem lebensfrohen Dritten erscheint. Die Reflexe der Wintersonne bringen die Welt zum Strahlen, erleuchten das Gefieder der Raben und geben der bunten Kinderschar Platz auf leuchtend weißem Schnee. Die Bewegungsstudien des Raben im Schnee vermitteln Komik, aber vor allem den Zauber des redlichen Bemühens eines Tieres, dessen Proportionen nicht zufällig dem eines Kleinkindes ähneln.

Die Geschichte können Kinder sehr gut für sich alleine hören und betrachten. Erzählen sollten sie von dem Raben und wie es ihnen selber mit den Schneeengeln gegangen ist.

Kulot, Daniela: Unsere unglaubliche Reise in den Kindergarten. Stutt-gart: Thienemann-Esslinger 2017. 32 S. ISBN: 978-3-5224-5862-7

Wege bieten Kindern kleine Fluchten und werden zu schnell verfügbaren Abenteuerräumen. Kinder besitzen ihr eigenes Tempo, sind offen für Entdeckungen und ihre Phantasie hilft nach, wenn wenig los ist. Weil Baldo Bär, Hermine Hase und Ringo Regenwurm nahe an ihrem Kindergarten wohnen und keine Verkehrsgefahr droht,

machen sie sich gemeinsam auf den Weg. Geheimnisvolle Gegenstände – ein grauer Stein, ein Taschentuch, eine Schnur und eine Wäscheklammer – verwandeln sich in einen Elefanten, einen Tropenvogel, eine Schlange und ein Krokodil. Sie führen die Kinder in bekannte Abenteuer-Biotope mit gemäßigten Gefahren, aus denen sie der Ruf der Erzieherin befreit und ans Ziel bringt. Die Illustrationen unterstützen den deutlich sichtbaren Wechsel von Weg und Abenteuer, Realität und Fantasie ohne desillusionierend zu wirken. Sie legitimieren auf diese Weise das Recht auf Träume und sichern die Abenteuerlust als optimistische Weltsicht ab.

Der Weg zur Kindertagesstätte wird für viele Kinder anders aussehen, die kleinen Fluchten auf ihren Wegen wahrscheinlich nicht. Über Wege, Abenteuer und das Ankommen zu sprechen, sollte mit diesem Buch möglich werden. Fragen ergeben sich aus der realen und wie der fantasierten Erfahrungsebene:

 

  • Welche Wege gehst du jeden Tag?
  • Welches ist der längste Weg, an den du dich erinnern kannst?
  • Wer geht mit dir?
  • Mit wem gehst du am liebsten?
  • Träumst du manchmal auf deinen Wegen?
  • Was träumst du?
  • Welche Tiere trafen die drei Freunde auf ihrem Weg?
  • Welches der vier Abenteuer würdest Du auch gerne erleben?
  • Gibt es ganz andere Sachen, die du beim Träumen auf den Wegen erleben möchtest?
  • Wie gingen die Abenteuer der drei Freunde denn zu Ende?
  • Wie gehen denn deine geträumten Abenteuer zu Ende?

Krejtschi, Tobias: Monstermampf. Richtenberg: Minedition 2017. 22 S. ISBN: 978-3-86566-286-6

Zum physikalischen Elementarwissen von Vorschulkindern gehören das Erkennen, die Zuordnung und das Benennen unterschiedlicher Formen. Acht Monster in acht Formen (Quadratmonster, Kreismonster; Dreieck-Monster usw.) sind heikel und essen ausschließlich Lebensmittel und Gerichte, die ihren Körperformen entsprechen. Es liegen aber auch unpassende Angebote auf dem Teller. Und daher müssen die Kinder heraussuchen, was den Monstern schmeckt. Ob Zuordnung der Proportionen stimmt, zeigt das nächste (Klapp-)Bild mit vollem Monstermaul. Das Kreis-Monster mampft die Tomate. Das Stück von der Pizza schmeckt nur dem Dreieck-Monster. Nach so viel Essen verschwindet das neunte, das Wurstmonster im Klo.

Die expressiven Computerbilder in aggressiven Rottönen springen den Betrachter an und konfrontieren ihn mit Szenen kindlicher Urerfahrungen: der Freude und Unlust am Essen.

Was die Monster vormachen: zubeißen, kauen, schmatzen, rülpsen können Kinder lautmalerisch genüsslich wiederholen. Die Monster-Lebensmittel werden als das tägliche Essen erkannt und wie bei den Monstern in die Bereiche Genuss und Ekel geteilt. Beim gemeinsamen Essen in der Gruppe können Szenen, Laute und das Zugreifen oder Ablehnen von Lebensmitteln wortreich nachgespielt werden. Dabei sollten die Lebensmittel in ihren geometrischen Formen erkannt und benannt werden. Der Respekt vor den Lebensmitteln gehört zum Thema.

Lasserre, Hélène (Text); Bonotaux, Gilles (Ill.): Tolle Nachbarn. Berlin: Jacoby & Stuart 2016. 32 S. ISBN: 978-3-94659-300-3

Ein junges Schaf erzählt, wie in sein ruhiges, für ihn ereignisloses und daher langweiliges Wohnviertel neue Bewohner einziehe, die alles andere als geduldige Schafe sind: die Kühe sind Öko-Aktivisten, die Krokodile eröffnen im ehemaligen Kurzwaren-Geschäft eine Bar; die Störche treiben auf dem Dach merkwürdige Sachen, der Stier zertrümmert eine Mauer und gibt den Weg in den Garten frei. Der Polizist ändert sichtbar seine Einstellung. Die ersten Bewohner ziehen aus, als eine Wolfsfamilie einzieht und Angst verbreitet. Einige aber bleiben und erleben, wie das Leben in den zwei Wohnhäusern erwacht, alles bunter und jünger wird. Viele Lebensweisen vertragen sich ganz gut nebeneinander, ermöglichen neue Begegnungsorte und gemeinsame Unternehmungen. Das junge Schaf ist schließlich Familienvater, sein Baby wird in einer veränderten Welt aufwachsen. Für diese Zukunft verbreiten Text und Bilder Optimismus.

Toleranz und Integration werden hier heiter am bunten Multi-Kulti-Modell vorgeführt. Diese Botschaft in Text und Bild kann der Erzieher/die Erzieherin analysieren und in seiner künstlerischen Umsetzung nachvollziehen. Den Kindern sollte Raum für ihre eigenen Eindrücke vorbereitet werden. Das textarme Wimmelbilderbuch vermittelt vor allem in den Bildern Episoden unterschiedlicher Milieus im Wechsel der Jahreszeiten, die Kinder begierig verfolgen und nacherzählen können. Die Fülle der visuellen Eindrücke wird im Text strukturiert. Suchen, entdecken, Veränderungen erkennen, Handlung erzählen, Beziehungen zwischen eigener Erfahrung und skurriler Verfremdung im Bilderbuch herstellen – vieles ist möglich.

Folgende Fragen führen Sie auf den Weg:

  • Wer zieht alles ein?
  • Was verändern die neuen Bewohner an den beiden Häusern?
  • Warum ziehen einige Leute aus?
  • Würdest du ausziehen oder bleiben?
  • Würden deine Eltern ausziehen oder bleiben?
  • Was wird wohl aus den Leuten, die ausgezogen sind?
  • Was passiert mit der Mütze des Polizisten?
  • Hast du auch Angst vor dem Wolf?
  • Wie geht die Geschichte vom Schaf und seiner Freundin weiter?
  • Was siehst Du auf den Bildern, von denen das Schaf dir nichts erzählt?
  • Welche Tiere gefallen Dir am besten?
  • Was würdest du als erstes tun, wenn du in eines der Häuser einziehen könntest?

Port, Moni (Text); Waechter, Philip: Der Flugplatzspatz nahm auf dem Flugblatt Platz. Schnellspeicher und Zungenbrecher. Leipzig: Klett Kinderbuch 2017. 40 S. ISBN: 978-3–95470-177-3

Zungenbrecher, schnell und wiederholt ausgesprochene schwierige Wort- und Satzkonstruktionen mit heiteren und oft absurden Inhalten, gehören zu den spielerischen Instrumenten der Sprach- und Sprachheilpädagogik. Philip Waechter hat neunzehn Zungenbrecher gesammelt und erfunden. Seine Bildgeschichten verwandeln sie in kleine dramatische Szenen und lassen die abstrakte Wortfolge bildhaft lebendig werden. (Vor-)gelesen verstärkt sich deren Wirkung. Der kindlichen Vorliebe für kleine „Unanständigkeiten“, non-konformes Sprachverhalten wird dabei Rechnung getragen. Artikulationsübungen zu (An-)lauten, Silben, und Worten, zur richtigen Aussprache führen zur Festigung des Sprachgefühls. Die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade der Satzkonstruktionen und Lautfolgen erlauben einen variationsreichen Gebrauch. Die Motivation zum Selbersprechen erfüllt die Kombination von Bildt/Text/Laut optimal. Zum pädagogischen Einsatz von schnell gesprochenen Zungenbrechern gehört auch die Aufforderung an die Kinder, selber Zungenbrecher zu erfinden.

Rassmus, Jens: Kann ich mitspielen? Eine Fußballgeschichte. Wien: GuG. 2014. 41 S. ISBN: 978-3-7017-2134-4

Auf dem Hinterhof erträumt sich ein einsamer Fußball-Fan mit seinem Ball eine abenteuerliche Mannschaft aus Hase, Bär, Riese, Spinne, Taube, Stein und Engel, die ihr Match schließlich auf einer Wolke austragen bevor sie auf eine zünftige Elf treffen und Michi endlich mitspielen darf. Im Narrativ einer Wunsch- und Traumreise bietet die Geschichte vom ersehnten „Mitspielen“ ein Sprachübung ganz eigener Art, wie sie im gegenwärtigen deutschsprachigen Bilderbuch kein zweites Mal zu finden ist. Die Handlung wird über weite Teile im Stil einer Fußball-Reportage erzählt, die Protagonisten tragen Namen, die von Ferne an Fußballspieler unterschiedlicher Nationen erinnern und so mancher Begriff aus der Fußballwelt- wie bei der Taube Laola- fließt in die Handlung ein.

Die Illustrationen spielen das gleiche Spiel, halten aber die surreale Traumwelt immer präsent. Auch der Illustrator ist ein Fußballkenner, das zeigen schon die Bewegungsstudien auf dem Vorsatzpapier.

Wer das beliebte, schon Kleinkindern zugängliche Thema Fußball – für Jungen und Mädchen – in Sprache und Bild vermitteln will, dem bietet das heitere Bilderbuch viele Gelegenheiten, unter anderem mit Fragen und Aufgaben wie:

  • Wer gehört zu Michis Fußball-Mannschaft?
  • Wo findet Michi seine Fußball-Spieler?
  • Wieviel Beine besitzt Michis Fußballmannschaft?
  • Erzähl mal, wo du Fußball spielst.
  • In was für Tore schießt Michis Fußballmannschaft ihren Ball?

Bei diesen Fragen offenbaren sich die einzelnen Kapitel der Geschichte auch als Sprach- und Kulissenvariationen vergleichbarer, ähnlicher Vorgänge aus dem Erfahrungsraum des Kindes und der Welt des Fußballes… Eine Erweiterung und Vergewisserung des Wortschatzes kann damit eingeübt werden.

Schubiger, Jürg (Text); Blau, Aljoscha (Ill.): Das Kind im Mond. Wuppertal: Hammer 2013. 24 S. ISBN: 978-3-7795-0434-4

Wer kennt nicht den Mann im Mond? Der wird hier zum Vater des Kindes im Mond, um das es in diesem poetischen Bilderbuch geht. Der Mond ist das Zuhause des Kindes, von dem es sich weg sehnt zur Erde, wo alles besser ist. So hat es die Mutter immer wieder erzählt und so wird es das Kind erleben. – Traditionelles Erzählgut wie Kunst- und Volksmärchen gehören zur Kultur jeder Weltregion und vielfach zur frühkindlichen Erziehung. Autoren und Illustratoren schaffen aufregende Variationen und Neu-Interpretationen alter Mythen und Bilder. Geschichten wie „Das Kind im Mond“ entdecken bisher übersehene Sinnzusammenhänge und sprechen Kinder auf ungewohnte Weise ganz direkt an. Der Mond steht für das Zuhause, dessen Wärme den Mangel nicht verschweigt. Die Erde lernt das Kind zunächst als attraktives „Fernseh“- Programm der Eltern kennen, bis es sich trennt und ins eigene Leben aufbricht. Das akzeptieren die zurückgebliebenen liebenden Eltern „hinterm Mond“. Alltagserfahrung und unausgesprochene Sehnsucht von Kindern wird hier mit Sprache und Bildern verzaubert. So spiegelt sich die Mutter – die Frau im Mond – in der Sternenmilch für ihr Kind. Lautmalerisch sind Verse eingefügt und führen über Laute und Silben zu einem Schönheit und Liebe tragenden Text, in dem Botschaft und künstlerische Qualität sich ebenbürtig ergänzen.

Stangl, Katrin: Schwimmt Brot in Milch? Hamburg: Aladin 2017. 32 S. ISBN: 978-3-84890-129-6

Auf dreißig Original-Flachdruck-Grafiken in vierfarbiger Siebdruck-Technik warten Fragen zu kindlicher Alltagserfahrung („Kann man mit Schnuller Zähne putzen“; „Passen zwei Kinder auf ein Klo?), zum Unbekannten und Namenlosen („Fahren Flusspferde gerne Bahn?“;„Passen alle Farben auf ein Blatt?“) zu Wünschen und Sehnsuchtsorten („Kann man nackig besser tanzen?“; „Kann man Katzen alles sagen?“) auf Antworten. Hinter jeder der 26 Fragen steckt Neugierde auf das Leben, Nachdenklichkeit zur eigenen Rolle des Kindes und immer eine Aufforderung zur Bewegung, Aktion und Experiment. Hier muss nicht nur Antwort gegeben, sondern hier können Fragen auch nachgespielt und dabei neue Fragen gestellt werden. Wer diese Fragen beantwortet, erzählt viel über sich selber und erlebt im geschützten Raum eines gemeinsamen Bucherlebnisses vielleicht zum ersten Mal wie befreiend der Frage-Antwort-Dialog sein kann. Kinderfragen bedeuten in vielen Elternhäusern eine lästige Pflicht, sind in manchen Kulturregionen strikt untersagt. Hier werden sie zum lustvoll und variationsreich eingesetzten Vehikel eines Grundrechtes der Kinder: die Welt zu erfahren und sich ihrer mit Sprache zu vergewissern. Sprachanlässe sind dabei die Fragen, die Bilderszenen, die Antworten und immer neue Fragen. Bei diesem Karussell der Fragen, Bilderszenen, Antworten und neuen Fragen ist die Erzieherin, der Erzieher Moderator der Sprachanlässe und hält keine fertigen Antworten parat.